Abschlussrede Signetverleihung

„Liebe Prämierte, sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer,

wir haben vorhin Kafka zitiert. Diesen Teil des Abends beschließen möchte ich mit einem weiteren Zitat. Es stammt von einem ehemaligen Regierenden Bürgermeister und es ist nicht „Ich bin schwul und das ist auch gut so.“

Es stammt aus dem Jahre 1993 von Richard von Weizsäcker. Und ja, wenn man genau nachrechnet, war er 1993 schon nicht mehr Regierender Bürgermeister von West-Berlin, sonders Bundespräsident. Richard von Weizsäcker hielt damals eine Rede vor der Bundesarbeitsgemeinschaft „Hilfe für Behinderte“ – so hieß die damals.

1993 – das war vor der Grundgesetzänderung, vor der Pflegeversicherung, vor dem Landesgleichberechtigungsgesetz, vor dem SGB IX, vor dem Behindertengleichstellungsgesetz auf Bundesebene und vor der UN-Behindertenrechtskonvention.

Bereits 1993 sagte Richard von Weizsäcker Dinge, die auch heute noch genauso aktuell sind:

‚Es gibt keine Norm fürs Menschsein.‘, sagte er. Und bezogen auf Sozialräume stellte er fest, dass Stadtplaner nur den Rahmen für ein humanes Zusammenleben bieten können, worauf es ankommt ist die eigene Wahrnehmung und wie wir uns tatsächlich verhalten.‘ Das stimmt heute noch.

‚Einem Menschen die ihm gemäße Sprache vorzuenthalten, ist so grausam wie eine Isolationshaft.‘ ist ein anderer wichtiger Satz in seiner Rede. Ich weiß nicht, ob er damals schon Gebärdensprache oder Leichte Sprache mit einbezog, aber der Satz ist auch in diesem Zusammenhang heute noch gültig.

Und er stellte ganz klar fest: ‚Wer aber publizistisch das Lebensrecht von Menschen mit angeborener Behinderung in Zweifel zieht, der verletzt die Würde des Menschen.‘ Angesichts der aktuellen Diskussion um pränatale Diagnostik leider immer noch Realität.

Richard von Weizsäcker schloss seine Rede mit den Worten: ‚Was wir zu lernen haben, ist so schwer und doch so einfach und klar: Es ist normal, verschieden zu sein.‘ Zitat Ende.

Heute – 22 Jahre später – füge ich an:

Ja, wir sind alle verschieden. Und normal ist das noch lange nicht. Wir sind alle verschieden und doch haben wir die gleichen Rechte. Menschenrechte.

Und eines davon ist: Jeder Mensch hat in seiner Verschiedenheit das Recht, ein aktiver, selbstbestimmter, mitgestaltender, mitentscheidender, gleichberechtigter Teil der Gemeinschaft zu sein.

Dieses Menschenrecht verwirklichen – nichts weniger tun Sie, die Ausgezeichneten, tun wir alle, die wir in den Kiezen, Stadtteilen und an unseren Wirkungsstätten für Inklusion streiten.

Ich wünsche uns: Bleiben wir auf diesem Weg der Inklusion und machen es deutlich durch unsere Haltung, durch unser Verhalten und die messbaren Ergebnisse unseres Handelns.

Bleiben wir auf dem Weg der Inklusion, nicht nur weil Teilhabe ein Menschenrecht ist, sondern weil sie menschlich richtig ist.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

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