Fit für Inklusion in 1 Tag? Wie schnell lernt man umzudenken?

Vor ein paar Tagen konnte man beim Nachrichtendienst kobinet folgende Mitteilung lesen.

Darin geht es darum, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behindertenhilfe in Baden-Württemberg für Inklusion geschult werden sollen. So weit, so gut.

Seit Januar beschäftigte ich mich nun auch beruflich mit Inklusion und im Speziellen mit inklusiver Stadtteilarbeit. Ich lese also täglich von inklusiven Diskos, Trommelworkshops, Selbstverteidigungskursen, Fachtagen zur Inklusion und manchmal sogar von inklusiven Wochen.

Eigentlich könnte man denken: überall findet Inklusion statt, oder?! Ja, das sind alles wichtige Veranstaltungen. Aber: Wieviel tragen sie wirklich zur gleichberechtigten Teilhabe bei? Zum Umdenken? Zu neuen Strukturen? Gegen Diskriminierung? Zur Teilhabe auf Augenhöhe von Anfang an?

Im oben erwähnten Artikel wird die Weiterbildung für Heilerziehungspfleger zum Thema „Inklusion“ durchgeführt von der Liga der freien Wohlfahrtspflege Baden-Württemberg. Zur Liga der freien Wohlfahrtspflege gehören so große Träger wie Caritas, Diakonie oder DRK. Sie betreuen nach eigenen Angaben 55.000 alte Menschen in Altenwohn- und -pflegeheimen und 11.000 Menschen in Behinderteneinrichtungen. Bezeichnenderweise spricht dabei die Liga nicht von Menschen, sondern von „Plätzen“, die bereit gehalten werden.

„Nichts über uns ohne uns“ – so steht es nicht nur im Koalitionsvertrag, sondern ist ein Grundsatz in der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Und wie ist es hier mit der Einbeziehung von Anfang an? Wurden z. B. die Mitarbeiter des Zentrums selbstbestimmt leben Stuttgart in die Fortbildungsvorbereitung einbezogen?

Die Fortbildung ist wahlweise ein- oder mehrtägig, war der Pressemitteilung zu entnehmen. In einem Tag kompetent in Inklusion? Ich hab da so meine Zweifel.

Und was lernen die Heilerziehungspfleger und Heilerziehungspflegerinnen, die ja hier hauptsächlich geschult werden sollen, in ihrer regulären Ausbildung? Im aktuellen Faltblatt der Fachschule für Sozialwesen steht jedenfalls nichts von Selbstbestimmung, Menschenrechten, Teilhabe oder Inklusion.

Das wäre für mich eine echte Strukturveränderung, ein echter Paradigmenwechsel: die Anpassung der Berufsausbildungen und Studiengänge für alle, die mit und für behinderte Menschen arbeiten unter Einbeziehung derer, die sich schon jahrelang für Selbstbestimmung und die Umsetzung der Menschenrechte für behinderte Menschen engagieren – von Anfang an.

So bleibt es das, was es ist – ein Fortbildungstag mit einem Schein zum Mitnehmen.

Schade.

Ich werde jetzt beim Veranstalter des Fachtags für Inklusion hier in Berlin anrufen. Auf der Einladung fehlten konkrete Angaben zur Barrierefreiheit.

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